Religiösität im Mittelalter

Bevor auf die Religiösen Details im Templerorden eingegangen wird, erscheint es mir sinnvoll, kurz auf die Religiösität des mittelalterlichen Menschen einzugehen.
Im Gegensatz zu den meisten heute lebenden Menschen, war die Religion ein wesentlicher Faktor des Denkens, Fühlens und Handelns. Himmel und Hölle waren real, ebenso die nahende Apokalypse. Das ist leider für uns, durch die Bewegung der Aufklärung geprägten Menschen, sehr schwer nachvollziehbar. Allzugerne projezieren wir unsere modernen Denkmuster auf die damaligen Menschen und nehmen an, dass beispielsweise "Hölle" für sie etwas völlig anderes bedeutete als für uns. Das Seelenheil ist heute etwas sehr abstraktes und kaum greifbares - damals war es ein hohes, nahezu schon materielles Gut, eine Art Konto, auf das man kontinuierlich einzahlen musste. Der Christliche katholische Glaube war damals alles durchdringend. Verwechselt werden darf diese Aussage allerdings nicht mit der Institution Kirche, die zweifellos auch sehr mächtig war - es ging, anders als wir dies heute wahrnehmen, um die spirituelle Durchdringung: Gott war überall und seine Herrlichkeit war demgemäß überall zu preisen.

Religiösität im Templerorden

Praxis und Stundengebet

Die einzelnen Bestimmungen hier aufzuführen würde den Rahmen dieser Webseite sprengen, denn man könnte darüber ein eigenes Buch schreiben. Im Wesentlichen folgt die Liturgie aber den allgemein damals üblichen Riten, die von den Zisterziensern, aber auch von anderen Orden geprägt waren. An manchen Stellen in der Ordensregel finden sich Erleichterungen gegenüber den klassischen Mönchsorden.
Im Wesentlichen wurde der Tag durch die monastischen Stundengebete gegliedert. In Abhängigkeit der aktuellen Lage und der Verfügbarkeit eines Kaplans bestanden diese aus der jeweiligen Hore im damals üblichen Regularium (welches sich vom heutigen unterscheidet) oder auch nur aus dem privaten Gebet einer definierten Anzahl Paternoster. Hinzu kamen spezielle Dinge wie beispielsweise Regeländerungen im täglichen Leben (u.a. Fasten oder Essenszuschlag bei Feiertagen), Prozessionen oder Messen an bestimmten kirchlichen Feiertagen: Als Beispiel sollte am Karfreitag ohne Tischtuch gegessen werden. Die Ausnahmeregelungen und Festtagstermine sind in der Ordensregel detailliert beschrieben (vgl. Artikel 75 und weitere), ebenso die zu tragende Tracht und das Verhalten während der Gottesdienste.

Zu den Stundengebeten ("Horen") sollte stets der Habit (also Mantel oder Capa) getragen werden. Wichtig für das Verständnis ist die Anmerkung, dass der mittelalterliche Tag vom Zeitgefühl anders eingeteilt war wie heute. Die genaue Uhrzeit war im Gegensatz zu heute unbekannt, die Zeiteinheiten, die heute oft wenige Minuten betragen, waren im Mittelalter eher Stunden. Der Tag war in 12 Tages- und 12 Nachtstunden eingeteilt, die sich nach Sonnenauf- und Untergang richteten. Im Sommer waren die Tagstunden also länger als die Nachtstunden.
Zum Gebet wurden die Brüder durch Glockenzeichen gerufen. In der Kirche sollte ein jeder Bruder nach seinem Nachbarn suchen, wenn er nicht anwesend war. Die Teilnahme an den Gebetszeiten war, bis auf Ausnahmen, verpflichtend, denn anschließend wurden Neuigkeiten und Befehle verteilt.

Folgende Gebetszeiten gab es gemäß der Ordensregel bei den Templern:

Mit diesen Stundengebeten konnte das täglich in den Konventen zu betende Paternoster-Pensum in höhe von 150 Wiederholungen abgeleistet werden. Während Reisen und Feldzügen war dieses Pensum auf 60 reduziert.
Diese Anzahl war in jedem Fall zu beten und für den Fall, dass keine Messe zelebriert werden konnte, weil kein Kaplan anwesend war oder die Brüder im Feldlager einquartiert waren, bestimmte die Ordensregel, dass anstelle jedes Stundengebetes ersatzweise selbständig jeweils eine bestimmte Anzahl Paternoster zu beten waren (Prim, Terz, Sext, Non und Komplet: 7; Vesper 9; Matutin: 13).
Dass diese Regelung vor allem als Erleichterung für den Felddienst zum Einsatz kam, wird bereits aus der Templerregel klar.

Paternoster

Das Vaterunsergebet wurde damals ohne den heute üblichen letzten Teil "Denn dein ist das Reich..." und auf Latein gebetet. Es ist nach wie vor nicht klar, wie sich die Aussprache angehört hat (beispielsweise ob es bei caelis "tschälis", "zälis" oder "kälis" heißt). Das Paternoster ist eines der beiden wesentlichen Grundgebete der mittelalterlichen Welt, die jeder beherrschte, unabhängig vom Stand und ob er nun Latein verstand oder nicht.
Auch zu anderen Gelegenheiten wie den Stundengebeten wurde ein Paternoster dargebracht: Vor dem Essen, sowie beim Zubettgehen am Abend und nach der Matutin.

Pater noster qui es in caelis,
sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Viat voluntas tua,
sicut in caelo et in terra.
Panem nostrum cotidianum danobis hodie.
Et dimmite nobis debita nostra,
sicut et nos dimmitimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem,
sed libera nos amalo.

Ave Maria

Das Ave Maria ist das zweite wesentliche Grundgebet, dass jeder beten konnte. Wie beim Paternoster fehlt der heute gebräuchliche zweite Teil "Heilige Maria, Mutter Gottes...", gebetet wurde ebenfalls lateinisch. Interessant ist, dass das Hochmittelalter im allgemeinen und die Templer im besonderen ausgesprochene Marienverehrer waren. Das schlägt sich beispielsweise in der Gebetspraxis nieder, wenn die Hälfte der Paternoster zu Ehren Mariens stehend gebetet wurden. Auch die Templerregel erwähnt oft eine Ehrung Mariens ("unserer lieben Frau").

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.